„Wo Licht ist, ist auch Schatten“

03.06.2019

Münchner Studenten aus dem Fachgebiet Städtebau besuchen die vom PV betreute Flughafengemeinde Oberding

Vortrag im Bürgerhaus Oberding © Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München (PV)


Bürgermeister Bernhard Mücke im Bus durch Oberding © Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München (PV)


Die  Gemeinde Oberding mit heute 6.400 Einwohnern unterliegt seit dem Flughafenbau einem starken Wandel. Wie genau sich die ländliche Gemeinde seit 1992, als der Flughafen München im Erdinger Moos eröffnet wurde, verändert hat, wollten nun Studenten aus dem Fachgebiet Städtebau wissen. Mit ihrer Professorin, Christiane Thalgott, die von 1992 bis 2007 Stadtbaurätin und damit Chefin der Stadtplanungsbehörde in der Landeshauptstadt München war, besuchten die Teilnehmer des Seminars „Walkscapes. Akteure, Orte, Entwicklungen“ am 20. Mai 2019 die Gemeinde im Münchner Norden. Oberdings Bürgermeister Bernhard Mücke begrüßte die 20 Studenten im Bürgerhaus Oberding und schilderte in einem aufschlussreichen Vortrag, wie der Flughafen die Siedlungsentwicklung der Gemeinde bisher beeinflusst hat und wie die Gemeinde konsequent an der Verbesserung der Lebensqualität arbeitet.

Flughafen größter Wirtschaftsfaktor

„Der Münchner Flughafen ist seit der Eröffnung im Jahr 1992 rasant gewachsen. Der immense Flächenverbrauch des Flughafens ist unser größtes Problem“, sagte Mücke. Der Hauptteil des Flughafengeländes, 750 Hektar, liegt im Gemeindegebiet Oberding. Aber nicht nur für Start- und Landebahnen benötigt der Flughafen Platz, auch für Ausgleichsflächen. „Käme die 3. Startbahn, lägen davon 623 Hektar auf Gemeindegebiet plus 379 Hektar Ausgleichsflächen“, erklärte der Bürgermeister.

Durch die Eröffnung des Flughafens wurde die ländliche Gemeinde plötzlich zum Knotenpunkt für den internationalen Verkehr. Heute stellt der Flughafen den bedeutendsten Wirtschaftssektor Oberdings. Ein großer Teil der Gewerbeflächen im Ortsteil Schwaig wird von Logistikunternehmen belegt. „Das ist zwar nicht schlecht für die Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinde, aber wir müssen zwischen unterschiedlichen Interessen abwägen. Wo Licht ist, ist auch Schatten“, sagte Mücke. Nachteile seien der hohe Flächenverbrauch im Vergleich zu einer geringen Anzahl von Arbeitsplätzen und das enorme Verkehrsaufkommen, das Logistiker mit sich bringen. Eine Erweiterung der Logistik würde einen Großteil der zur Verfügung stehenden Flächen belegen und eine Entwicklung von höherwertigem Gewerbe oder Dienstleistungen behindern, die mit dem Bau des Erdinger Ringschlusses beziehungsweise dem neuen S-Bahnhaltepunkt Schwaigerloh möglich werden.

Oberding wächst

Aufgrund des Flughafens, aber auch des Wachstums in der Region München im Allgemeinen ist der Zuzug nach Oberding stark gestiegen. „Die Bevölkerung wächst im Jahr um vier bis fünf Prozent. Normal wäre ein Wachstum von 0,2 bis 0,5 Prozent“, erklärte der Bürgermeister. Ein Wachstum von 0,2 bis 0,5 Prozent wäre typisch für eine ländlich geprägte Gemeinde und läge noch unter dem Landkreisdurchschnitt des Landkreises Erding. Die Konsequenzen: Steigende Miet- und Kaufpreise bei Wohnraum. „Die Bodenrichtwerte haben sich in acht Jahren vervierfacht“, so Mücke.

Das Besondere an der Siedlungsstruktur in Oberding ist heute, dass sich neben dem Hauptort Oberding auch alle größeren Ortsteile etwa gleich stark weiterentwickeln. „Wir bauen ständig das Angebot an Wohnungen und öffentlichen Einrichtungen aus. In letzter Zeit haben wir zwei Feuerwehrhäuser, ein Kinderhaus, ein Seniorenzentrum, eine 3-fach-Turnhalle gebaut. Außerdem wird die Grund- und Mittelschule neu gebaut“, sagte der Bürgermeister. In Planung seien zudem ein neues Rathaus und ein neuer Bauhof. Um den Bedarf an Wohnraum zu decken, vergibt Oberding im Einheimischenmodell eigenes Bauland vergünstigt an die ortsansässige Bevölkerung. Zudem plant die Gemeinde, in Zukunft drei- statt zweigeschossig zu bauen. Auch die Nachfrage nach günstigem Wohnraum ist hoch und wird vermutlich weiter steigen. „Bereits heute hat die Gemeinde 60 Wohnungen im Eigenbestand, die an bedürftige Personen und Familien zu Mietpreisen von sieben Euro pro Quadratmeter vermietet werden“, so Mücke.

Immer weniger Landwirtschaft

Viele Landwirte der Gemeinde haben die Landwirtschaft eingestellt und vermieten ihre Stellflächen inzwischen an Flughafenparker. Für 50, 60 Euro die Woche kann man sein Auto auf ihren Grund abstellen und wird von den Betreibern per Minibus zum Flughafen gebracht und von dort auch wieder abgeholt. „Auf unserem Gemeindegebiet gibt es 30 Park-and-Fly-Anbieter mit jeweils etwa 100 Parkplätzen pro Hofstelle. Einer hat sogar 400 Parkplätze“, erklärte der Bürgermeister. Dieses Geschäft sei für viele Landwirte lukrativer als die Landwirtschaft. Gab es 1979 noch 227 landwirtschaftliche Betriebe auf dem Gemeindegebiet, sind es heute nur noch 97. Der Bürgermeister rechnet damit, dass ihre Zahl weiterhin abnehmen wird und nur noch wenige Großbauern „überleben“.

Wo will die Gemeinde hin?

Nach der Entscheidung, den Flughafen München im Norden der Stadt zu bauen, hat die Gemeinde Oberding frühzeitig die Bauleitplanung auf diesen Strukturwandel aufgebaut. Dennoch: Der Gemeinderat wurde durch die rasante Entwicklung zu schnellen Entscheidungen getrieben. „Wir wollten und wollen aber die Lebensqualität und den dörflichen Charakter unserer Ortschaften für unsere Gemeindemitglieder erhalten“, erklärte Mücke. Um sich Klarheit über die Möglichkeiten einer gewünschten Entwicklung zu verschaffen und die Voraussetzungen für ein aktives strategisches Handeln zu schaffen, ging der Gemeinderat2016 in Klausur. Im Kern ging es um die Frage „Wo wollen wir hin?“. Als Informationsgrundlage beauftragte die Gemeinde den Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München (PV) mit einer Analyse der Ist-Situation. Diese Klausur bewog damals den Gemeinderat dazu, künftig nicht mehr ungehindert Flächen im Außenbereich zu beanspruchen, sondern innerörtliche Potenziale auszuschöpfen und Qualitäten der Gemeinde herauszuarbeiten.

Politik hinkt Veränderung hinterher

„Wir lehnen inzwischen Logistikflächen, Hotels und Flughafenparker ab“, sagte Mücke. Ihm fehlten aber oft aktive Instrumente. „Die Gemeinde bekommt keine infrastrukturelle Unterstützung vom Land. Die Geschwindigkeit der realen Veränderung ist höher als Geschwindigkeit in der Politik“, so der Bürgermeister. Mücke gab ein Beispiel: „Der Flughafen baut ständig aus. Dadurch entstehen immer mehr Arbeitsplätze, aber auch Verkehr.“ Die Infrastruktur um den Flughafen herum wachse aber nicht mit. „Der S-Bahn Ringschluss bietet zwar eine große Chance, der Zeithorizont der Realisierung ist jedoch offen“, so Mücke.

Nach dem Vortrag machten sich die Studenten zusammen mit dem Bürgermeister auf eine Bustour durchs Gemeindegebiet, um das soeben Gehörte am Beispiel sehen zu können. Die Tour führte von Oberding über das Notzingermoos, Notzing und Aufkirchen auf die Flughafentangente Ost nach Niederding und von dort ins Gewerbegebiet Oberding Nord-West, nach Schwaig und ins Gewerbegebiet Schwaig.

Alle Studenten fanden die Exkursion nach Oberding sehr lohnenswert und interessant, wie ihre Professorin Christiane Thalgott dem PV später mitteilte.